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Handlungskonzept zum nachhaltigen Wirtschaften im LK GR - Langf.

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Handlungskonzept zum nachhaltigen Wirtschaften im Landkreis Görlitz - Langfassung

Nachhaltiges

Nachhaltiges Wirtschaften im Landkreis Görlitz Neben den bestehenden Defiziten in der Verkehrsinfrastruktur ist auch die Breitbandversorgung im Landkreis noch unterdurchschnittlich. So liegt die Verfügbarkeit von Internetanschlüssen mit mind. 50 Mbit/s im Durchschnitt des Landkreises Görlitz lediglich bei 60% und damit deutlich unter dem sächsischen (71%) und dem bundesweiten Vergleichswert (83%) 20 . Dies gilt sowohl für die privaten Haushalte als auch für den gewerblichen Bereich. Dabei ist die digitale Infrastruktur eine wesentliche Grundlage, um überhaupt an bestehenden Trends partizipieren zu können, weshalb sowohl in den Workshops als auch den Expertengesprächen deutlich gemacht wurde, dass der Landkreis hier mit seinen unterdurchschnittlichen Ausgangsbedingungen vor Problemen steht. Die räumliche Lage des Landkreises geht zudem mit einem immer noch großen Wohlstandsgefälle zu den benachbarten osteuropäischen Regionen einher, das mit Ausnahme der jeweiligen Hauptstadtregionen immer noch signifikant ist. In der NUTS2-Region Dresden (ehemaliger Direktionsbezirk) verfügt jeder Einwohner im Durchschnitt über ein kaufkraftbereinigtes Einkommen von 18.600 EUR. Die Region Niederschlesien, aufgrund der Bedeutung Breslaus die einkommensstärkste benachbarte osteuropäische Region, kommt auf einen Vergleichswert von 12.400 EUR, was auch preisniveaubereinigt nur einem Wert von rund zwei Drittel des Dresdner Niveaus entspricht. Strukturell deutlich schwächer aufgestellt ist dagegen die im Norden angrenzende polnische Region Lebus (10.700 EUR). Die angrenzenden tschechischen Regionen liegen mit 11.900 EUR (Nordost- Tschechien) und 11.000 EUR (Nordwest-Tschechien) dazwischen. 21 Damit einher geht auch ein nach wie vor signifikantes Arbeitskostengefälle. In der Metall- und Elektroindustrie liegen die durchschnittlichen Arbeitskosten je Stunde in Tschechien bei 25% und in Polen bei 19% (sic!) des deutschen Vergleichswertes 22 . Über alle Branchen hinweg fallen in Tschechien im Durchschnitt 11,30 EUR und in Polen 9,40 EUR je Arbeitsstunde an, was jeweils nur knapp über dem momentanen Mindestlohnniveau in Deutschland liegt 23 . Insofern bleibt trotz gewisser Anpassungstendenzen das Wohlstands- und Arbeitskostengefälle gegenüber den benachbarten osteuropäischen Regionen groß. Dabei gehört der Landkreis Görlitz innerhalb Deutschlands und auch Sachsens zu den Regionen mit der geringsten Wirtschaftskraft. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner liegt mit rund 25.300 EUR trotz des zuletzt überdurchschnittlichen Wachstums bei nur 87% des sächsischen (28.900) und zwei Drittel des bundesdeutschen Durchschnitts (38.400) 24 . Zwar liegt die Produktivität je Erwerbstätigen fast auf sächsischen Niveau 25 , allerdings basiert der Wert vor allem auf dem kapitalintensiven Braunkohle- und Energiesektor, der alleine 14% der regionalen Wertschöpfung trägt (Bund: 2%). Aufgrund einer ansonsten geringeren Industriebeschäftigtendichte bei einem gleichzeitig niedrigen Besatz an wissensintensiven Dienstleistungen ist die Arbeitsmarktlage weiterhin deutlich ungünstiger als im restlichen Teil Sachsens. Demgegenüber übertreffen vor allem bei 20 Vgl.Breitband-Atlas sowie BMVI (2018). 21 Vgl. Eurostat. 22 Vgl. IW Köln (2018). 23 Vgl. Fn. 21. 24 Statistisches Bundesamt; Statistisches Landesamt Sachsen; Werte jeweils für 2016 (aktuellstes verfügbares Jahr auf Kreisebene). 25 Die durchschnittliche Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen beträgt 58.100 EUR und somit 99% des sächsischen Vergleichswerts. Vgl. Statistisches Landesamt Sachsen. 18

Nachhaltiges Wirtschaften im Landkreis Görlitz Kindern und Jugendlichen sowie bei Erwerbsfähigen die Empfängerquoten bei Leistungen von sozialer Mindestsicherung den sächsischen Durchschnitt um rund ein Viertel, während die Altersarmut aufgrund der Erwerbsbiografien vor der Wiedervereinigung im Landkreis (noch) geringer ausgeprägt ist 26 . Entsprechend niedriger sind die Durchschnittsverdienste und Durchschnittseinkommen, sodass die Kaufkraft je Einwohner die geringste aller deutschen Kreise ist. Damit treffen wiederum die auf die lokale Nachfrage ausgerichteten Wirtschaftsbereiche auf eine geringe Zahlungskraft der Bevölkerung. 27 Trotz Grenznähe ist die heimische Industrie überdurchschnittlich stark auf lokale Märkte ausgerichtet. Die Exportquote liegt im Landkreis mit 27% um 10%-Punkte unter dem sächsischen Durchschnitt. Ursache hierfür ist zum einen der höhere Anteil von Konsumgütern. Zum anderen ist die Industriestruktur geprägt von einzelnen großen, strukturprägenden Konzernstandorten auf der einen und einem kleinteiligen Mittelstand auf der anderen Seite. Von den 212 Industriebetrieben im Landkreis beschäftigen die vier größten Betriebe fast ein Viertel aller Arbeitnehmer in der Industrie, während drei von vier Industriebetrieben weniger als 100 Beschäftigte haben. In Mittel liegt die Betriebsgröße in der Industrie mit 87 Beschäftigten im Landkreis bei nur zwei Drittel des Bundesschnitts. Auch der sächsische Vergleichswert (91) wird unterschritten. Die Expertengespräche bestätigten eine starke Prägung der regionalen Industrie durch Zulieferstrukturen, die sich oftmals in einer hohen preislichen Wettbewerbsintensität befinden. Dementsprechend erreicht der Jahresumsatz je Beschäftigten in der regionalen Industrie mit 204.000 EUR nur 85% des sächsischen und zwei Drittel des bundesdeutschen Vergleichswertes. Auch die Entgeltsumme je Beschäftigten ist unterdurchschnittlich, liegt aber näher an dem jeweiligen Vergleichswert als die Umsatzproduktivität. 28 Mit anderen Worten erfordert eine Entgeltsteigerung vor Ort eine höhere Produktivität der bestehenden Einheiten, was durch die betriebsstrukturellen Voraussetzungen mit einem entsprechenden Wettbewerbsumfeld gehemmt wird. Aufgrund der Defizite hat der Landkreis auch nur unterdurchschnittlich von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands in den vergangenen Jahren profitiert. Im Gegensatz zu Sachsen oder Deutschland insgesamt war die Erwerbstätigenentwicklung in den letzten zehn Jahren nur stabil; in der längerfristigen Betrachtung steht weiterhin eine negative Arbeitsplatzbilanz, was sich in der noch immer überdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit von 8,5% im Jahresdurchschnitt 2018 widerspiegelt. Ungeachtet dessen schlägt sich die periphere Lage in einer schwierigen Fachkräftegewinnung durch Unternehmen vor Ort nieder. So war die Vakanzzeit 2017 – also die Dauer, die eine Stelle bei der Bundesagentur für Arbeit im Durchschnitt als unbesetzt gemeldet ist – mit 115 Tagen im Landkreis bereits höher als im sächsischen (91) oder bundesdeutschen Schnitt (102) 29 . Im Workshop wurde deutlich, dass das Durchschnittsalter der Arbeitslosen im Landkreis relativ hoch ist und es einen hohen Anteil von Langzeitarbeitslosen gibt, die mit multiplen Vermittlungshemmnissen konfrontiert sind. 26 Statistisches Landesamt Sachsen (2016). 27 Die Gesellschaft für Konsumforschung prognostiziert eine durchschnittliche Kaufkraft je Einwohner von 23.779 EUR für das Jahr 2019. Der niedrigste Wert wurde für den Landkreis Görlitz mit 18.721 EUR angegeben. Vgl. Gesellschaft für Konsumforschung (2019). 28 Vgl. Statistisches Landesamt Sachsen (2018a). 29 Vgl. Bundesagentur für Arbeit (2017) sowie BA-Sonderauswertung für sächsische Kreise. 19